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Genossenschaftskellerei Heilbronn - Weinproduzenten vor großen Herausforderungen

In Zeiten des Klimawandels und sinkender Absatzzahlen haben es die Weinproduzenten schwer. Die Genossenschaftskellerei Heilbronn behauptet sich mit einer Verbindung von innovativen Ideen und traditionellem Handwerk erfolgreich im Wettbewerb. Unter einem Dach sind fünf Marken vereint: die Genossenschaftskellerei Heilbronn, der Weinkeller Flein-Talheim, Grantschen Weine, die Weingärtner Lehrensteinsfeld und das Weinforum Neckarsulm-Gundelsheim. Jede Marke bietet eigene Produkte an, die aus den Trauben der jeweiligen Weinregion gekeltert wurden. Das Sortiment reicht von traditionellen, markanten Weinen bis zu filigranen Weinen auf internationalem Niveau. In jedem Tropfen sind die typischen, wertvollen Keuper- und Muschelkalkböden der jeweiligen Lagen zu schmecken. Sie sind weit über das Unterland hinaus bekannt und gelten als Synonym für den württembergischen Weinbau. Neben den traditionellen und charakterstarken Rotweinen entstehen im Gebiet der Genossenschaft auch erstklassige, frische Weißweine, was für die rotweingeprägte Region bemerkenswert ist.

„Nach den verschiedenen Fusionen haben wir uns überlegt, die Zahl der Marken zu reduzieren“, erklärt Geschäftsführer Daniel Drautz. „Für uns macht es jedoch Sinn, sie weiterzuführen, denn sie alle haben ihren eigenen Charakter und ihre eigenen Vertriebskanäle.“ Hinzu kommt das Image, das von traditionell bis modern reicht und somit unterschiedliche Zielgruppen anspricht. Die Trauben werden in den einzelnen Anbaugebieten gesammelt und vor Ort in Fässern ausgebaut. So entstehen durch die verschiedenen Kellermeister individuelle Weine, die für ihre Ursprungsregionen stehen. Die unterschiedlichen Produkte werden dann in Heilbronn auf Flaschen gezogen und von dort ausgeliefert. Neben der Verkaufsstelle in Flein wird das gesamte Sortiment im Weinschatzkeller an der Binswanger Straße in Heilbronn verkauft. Auf 600 Quadratmetern können Kundinnen und Kunden in aller Ruhe den passenden Wein, Sekt oder Secco auswählen. Dabei stehen ihnen kompetente Beraterinnen und Berater zur Seite, die  helfen, den passenden Wein zu finden. Selbstverständlich können alle Weine vor Ort verkostet werden.

Hinzu kommt der Webshop, über den die bekannten Weine bestellt werden können. Wer nicht weiß, welcher Wein ihm gut mundet, kann sich auch verschiedene weiße, rote oder gemischte Probierpakete schicken lassen.

„Das Weinjahr 2025 war ideal“, freuen sich der Vorstandsvorsitzende Justin Kircher und Daniel Drautz. Es gab einen warmen Sommer und bevor es zu trocken wurde, hat es geregnet. „Wir haben elf Millionen Liter produziert, etwas weniger als im Vorjahr.“ Das Niveau ist über alle Qualitätsstufen hinweg jedoch hervorragend: „Es gibt viele Spätlesen, Auslesen und sogar Beerenauslesen.“ Die Genossenschaftskellerei ist somit bei allen Sorten lieferfähig.

Rund 30 Prozent der Produktion werden als Most an die Weingärtner Zentralgenossenschaft (WZG) in Möglingen geliefert. „Das dient zur Absicherung unseres Vertriebs“, betont der Geschäftsführer. Denn der Weinmarkt ist schwierig. Seit rund zehn Jahren gibt es eine weltweite Überproduktion. „Deutschland kann nicht so günstig produzieren wie andere Länder, das drückt die Margen.“ Theoretisch könnten rund
49 Prozent des inländischen Markts mit deutschen Weinen abgedeckt werden, de facto haben die hier produzierten Flaschen aber nur einen Marktanteil von 40 Prozent. „Ausschlaggebend ist aber nicht die Qualität, sondern ganz klar der Preis: Im Discounter bekommen die Kunden Weine für unter fünf Euro, bei uns fangen die Preise erst da an“, rechnet Daniel Drautz vor.

Hinzu kommt der sinkende Weinkonsum: Während die Deutschen jahrelang durchschnittlich 20,7 Liter Wein pro Person und Jahr tranken, waren es 2024 nur noch 19,4 Liter – das sind fast zwei 0,7-Liter-Flaschen weniger. „Durch den Gesundheitstrend wird generell weniger Alkohol getrunken“, stellt er klar. „Außerdem trinken die Jüngeren weniger Wein als die Älteren.“ Diese Entwicklung kontert die Genossenschaftskellerei mit alkoholreduzierten oder gar alkoholfreien Weinen. Seit 2016 ist das Segment für die Wengerter von Bedeutung und sie können inzwischen auf zehn Jahre Erfahrung zurückblicken. „Das schmeckt man“, betont Daniel Drautz. Diese Produktlinie verzeichnet jedes Jahr zweistellige Zuwachsraten. Dazu kommen Mixgetränke und Weinschorlen, die gerade im Sommer aufgrund ihrer Spritzigkeit eine Alternative für junge Leute sind. Die in 0,33-Liter-Flaschen abgefüllten Getränke sind leicht zu transportieren. Auch süße Traubensaftschorlen wurden ins Sortiment aufgenommen und waren nach kurzer Zeit ausverkauft.

Zu den Neuentwicklungen gehören zudem die mit frechen Namen („Quick Boar“, „Fast Monkey“ oder „Rapid Dog“) ausgestatteten, hip designten Pouches – das sind Beutel aus Kunststoff mit einem Inhalt von je 1,5 Litern. In ihnen wurden feinherbe Weine der Sorten Sauvignon Blanc, Vernatsch (Trollinger) und Pinot Noir Rosé abgefüllt. Die leichten Pakete können zur Wanderung, zum Picknick oder zum Grillabend mitgenommen werden.

Seit 2023 unterstützen Schafe den Weinanbau in Flein: Zwei Winzerfamilien halten das ganze Jahr über Schafe in ihren Weinbergen. Darüber freuen sich zwar auch die Touristen, in erster Linie dienen die Schafe jedoch dem Weinbau. Im Frühjahr, wenn überall die Natur zu sprießen und zu blühen beginnt, fressen die Schafe die ungewünschten Triebe am Stamm der Rebe. Wenn die Blätter am Stock größer werden und den Trauben die Sonne verdecken, entblättern die Tiere gewissenhaft die Traubenzone. Das ganze Jahr über halten sie den Bewuchs niedrig, fördern die Infiltration der Böden und ihr Mist ist ein wertvoller Dünger. So helfen die Schafe, die Arbeit der Familie und den Maschineneinsatz zu reduzieren, was wiederum den CO2-Ausstoß verringert. Die so wachsenden Trauben werden zu einem nachhaltigen Wein ausgebaut, der unter dem Namen „Mähwerk“ angeboten wird.

Genossenschaftskellerei Heilbronn

Im Jahr 1888 wurde die Weingärtnergesellschaft Heilbronn gegründet. Fast zeitgleich entstand die Winzergenossenschaft Heilbronn. Aus diesen beiden anfangs konkurrierenden Gesellschaften entstand die Weingärtnergenossenschaft Heilbronn. In den 1970er Jahren fusionierte diese mit den Genossenschaften aus Erlenbach und Weinsberg. In den Jahren 2007 bis 2014 schlossen sich weitere Genossenschaften aus der Umgebung der Kellerei an: Die Weingärtnergenossenschaft Neckarsulm-Gundelsheim, die Weingärtner Flein-Talheim, die Weingärtner Lehrensteinsfeld, die Weingärtnergenossenschaft Unterheinriet und schließlich die Weingärtner aus Grantschen.

In der Genossenschaftskellerei haben sich 2011 Jungwinzer zur Vereinigung „Triebwerk“ zusammengeschlossen. Sie treffen sich ein paar Mal im Jahr, um neue Ideen auszutauschen. Die meisten von ihnen verfügen über besonders alte Weinberge. Deshalb umfasst die Philosophie von Triebwerk den behutsamen, naturnahen und verantwortungsvollen Umgang mit Reben und Boden. Durch gezielte Ertragsreduzierung erreichen die Jungwinzer ein Lesegut der allerhöchster Güte. Die tiefen Wurzeln und die unterschiedlichen Standorte schaffen dabei ein unverkennbares Terroir. Das Ergebnis sind drei Weine aus den etablierten Sorten Riesling, Lemberger und Schiller. Die trockenen Spitzenweine sind auf erfahrene Genießerinnen und Genießer zugeschnitten. Pilzwiderstandsfähige Rebsorten rücken zunehmend in den Vordergrund – auch bei der Jungwinzervereinigung. Sie möchten den „PIWIS“ mehr Aufmerksamkeit schenken und haben deshalb 2022 den KREUZWEISE Sauvitage auf den Markt gebracht. Mit diesem feinherben Wein gehen sie einen neuen Weg, denn er hebt sich deutlich von den anderen Weinen ab. Er wurde explizit für eine junge Zielgruppe konzipiert und vermittelt unkomplizierten Trinkgenuss ohne Kompromisse bei hoher Qualität. Daniel Drautz arbeitet bei der Vereinigung mit.

Die Genossenschaftskellerei ist auch ein touristischer Faktor für Heilbronn und Umgebung: Sie veranstaltet zahlreiche Events und betreibt gemeinsam mit anderen Winzern beispielsweise einen Ausschank auf dem Wartberg und einen Weinpavillon an der Neckarbühne. Hinzu kommen mobile Ausschankstellen direkt in den Weinbergen. Die beiden Weindörfer in Heilbronn und Öhringen sind für die Heilbronner ebenfalls wichtige Orte, um sich und die Region zu präsentieren. Direkt an der Kellerei bietet der Weingarten Heilbronn in der warmen Jahreszeit leckere Speisen und die eigenen Weine mit Blick auf die Weinberge im Weinsberger Tal an. Hinzu kommen über 200 Verkostungen, Veranstaltungen und Familienfeiern im Jahr. Die Wohnmobilstellplätze direkt vor dem Wein-Schatzkeller sind sehr gefragt. „Die Events sind für uns wichtige Absatzmöglichkeiten“, berichtet Daniel Drautz. „Immer mehr Menschen trinken zu Hause keinen Alkohol mehr, besuchen aber gerne Veranstaltungen und konsumieren lieber in geselliger Runde.“

Während der Vertrieb früher in Württemberg klassisch über den Fachhandel erfolgte, reicht das heute nicht mehr aus. „Ehrlich gesagt, haben wir Württemberger Genossenschaften das etwas verschlafen“, gibt der Geschäftsführer zu. Andere Anbaugebiete sind da schon weiter und verkaufen ihren Wein erfolgreich auf dem internationalen Markt. „Vielleicht müssen wir uns auch von den traditionellen Lagen und sortenreinen Weinen verabschieden und eher auf Cuvées setzen“, denkt er nach. „Wer weiß schon, welche Rebsorten in einem Chianti, Bordeaux oder Rioja verarbeitet werden?“ Es könnten verschiedene Varianten forciert werden, beispielsweise der beliebte Riesling. Auch Rotweine könnten als Rosé oder Blanc de noir angeboten werden. In den nächsten Monaten wird die Genossenschaftskellerei außerdem eine Exportkooperation mit anderen Genossenschaften eingehen.

Dabei müssen sich die Weine aus Heilbronn international nicht verstecken: So bewertete der renommierte Gault&Millau-Weinguide die Genossenschaftskellerei in der Auflage 2024 als „beeindruckend“. Die Weine sind damit um eine Kategorie aufgestiegen und wurden mit drei schwarzen Trauben bewertet. „2025 sieht es auch ganz gut aus“, weiß Vorstandsvorsitzender Justin Kircher.

Trotz der großen Anstrengungen der Genossenschaft, die Trauben ihrer Mitglieder bestmöglich auszubauen und zu vermarkten – „Was einer nicht schafft, das schaffen viele“ – stagniert das Traubengeld seit einiger Zeit. Von den 1.200 Mitgliedern sind noch rund die Hälfte aktiv tätig, „doch es werden weniger“, sorgt sich Daniel Drautz. Die Kosten für die Löhne der Mitarbeitenden, die Wartung der Maschinen und die Betriebsstoffe werden immer höher. Die Wengerter sind mit ihren Familien an vielen Wochenenden im Weinberg, doch vor allem für die Jüngeren lohnt sich der Einsatz nicht mehr. Sie überlegen, ihre Rebflächen zu roden. „Wir rechnen mit einer Reduktion unserer Fläche um rund 20 Prozent in den nächsten zwei Jahren“, sagt der Geschäftsführer. Für alteingesessene Familien ist das besonders tragisch, denn sie haben in den letzten Jahren Weinberge hinzugekauft, um ihren Ruhestand über die Verpachtung zu finanzieren. „Das wird nun auch zunehmend schwieriger.“

In den kommenden Jahren muss das sehr breite Sortiment geschärft werden. „Welche Sorten werden in Zukunft noch benötigt?“, ist eine der Fragen, die Daniel Drautz und seine Kollegen beantworten müssen. Die VR Bank ist dabei ein wichtiger Partner: „Als Genossenschaft arbeiten wir selbstverständlich mit einer Genossenschaftsbank zusammen“, lautet die Philosophie. „Sie versteht uns besser als eine Privatbank.“ Außerdem ergänzen sich die Mitglieder gegenseitig, sodass alle an einem Strang ziehen können..

Auch 2027 wird die Genossenschaftskellerei eine wichtige Rolle spielen, wenn Heilbronn zur „European Green Capital“ wird. Dann finden in der Stadt am Neckar Fachkonferenzen, Kulturveranstaltungen und Bürgerprojekte statt, die eine Bühne für den Austausch über die Zukunft nachhaltiger Städte bieten.