Auf Hausfassaden „Kunst für alle“ großflächig gestalten
Die bunten Mauern Schwäbisch Halls faszinieren ihn seit seiner Kindheit. Nun trägt der Graffiti-Künstler Sober selbst dazu bei, dass Hauswände und Unterführungen mit seinen farbigen, ausdrucksstarken Auftragsarbeiten aus dem Einheitsgrau herausstechen. Mit seinen freien Arbeiten bezieht er gegen jede Form von Rassismus Stellung. In Workshops gibt er sein Wissen weiter. So können Interessierte in die Welt der Streetart hineinschnuppern.
in paar alte Autos stehen herum. Der Hinterhof hat auch schon bessere Zeiten gesehen. An einigen Hauswänden sind Graffitis zu entdecken. Nirgendwo brennt ein Feuer in einem alten Ölfass, sonst wäre das Klischee perfekt. In der ehemaligen Fabrikhalle in Schwäbisch Hall-Sulzdorf entwirft Richard Koch Ideen für die unterschiedlichsten Wandgestaltungen. Der 27-Jährige ist in der Szene unter seinem Pseudonym „Sober“ bekannt. Doch er muss sich nicht verstecken, denn heute setzt er legale Graffiti-Projekte im öffentlichen und privaten Raum um.
Bereits mit 14 war er mit seinen Freunden unterwegs und hat gesprüht – damals nicht immer ganz legal. Während Gleichaltrige auf dem Fußballplatz herumbolzen, hat er sich mithilfe von Büchern und YouTube-Tutorials die Grundlagen fürs Sprühen beigebracht. Er hört gerne Hip-Hop und probiert sich im Breakdance aus – in dieser Szene sind auch die ersten Graffitis entstanden. Anfangs besprühte Richard Koch als Hobby leere Flächen oder verschönerte unschöne Schmierereien.
Nach dem Abitur lernt Richard Koch zunächst etwas „Ordentliches“: An der Dualen Hochschule studiert er BWL. Nach seinem Abschluss stieg er in die Social-Media-Abteilung des Schraubenhändlers Würth ein. 2020 machte er sich nebenberuflich selbstständig. Er veranstaltet Workshops und führt Auftragsarbeiten aus. Dafür reduzierte er seine Arbeitszeit. „Da war ich echt happy“, erzählt der Künstler. Er hatte zwei Jobs, mit denen er zufrieden war. Mit den Jahren machte er sich einen Namen und wagte im Herbst 2025 den Schritt in die komplette Selbstständigkeit. Quasi als Abschlussauftrag durfte er für Würth einen Werkzeugwagen gestalten, der als Limited Edition verkauft wurde. „Ich bin echt glücklich“, sagt er – vor allem mit dem Wissen, dass der Kontakt zu seinen ehemaligen Kolleginnen und Kollegen bei Würth weiterhin bestehen bleibt.
Er war schon immer fasziniert davon, wie großflächige Gemälde entstehen. „Bei Graffiti gibt es keine Grenzen.“ Kunden möchten eine Wand gestaltet haben – Richard Koch liefert die dazugehörige Kunst. „Meist gibt es schon Überlegungen oder ein konkretes Motiv, das ich dann ausarbeiten darf.“ Mithilfe von Moodboards (visuellen Collagen mit Bildern und Farben) zeigt er verschiedene Möglichkeiten für das Projekt. Daraus entsteht der konkrete Entwurf, der für den endgültigen Auftrag und die Kosten wichtig ist. Er behält sich aber immer einen gewissen Spielraum vor: „Meine Handschrift muss erkennbar sein.“ So gestaltet er großflächige „Kunst für alle“ auf Hausfassaden, die langfristig dort zu sehen ist.
Graffiti wird von vielen Menschen als Schmiererei angesehen. Dabei sind es meist nur „Tags“, also gekritzelte Unterschriften, die irgendwo angebracht werden. „Ich finde es nicht schön, wenn fremdes Eigentum oder gar denkmalgeschützte Gebäude so ‚verziert‘ werden“, stellt Richard Koch klar. Für ihn sind echte Graffiti-Kunstwerke dekorative Styles oder verfremdete Schriftzüge. Er legt großen Wert auf die vorurteilsfreie Akzeptanz von Kreationen. Darauf spielt auch sein Pseudonym „Sober“ (englisch für „nüchtern“) an.
Dass nicht alle diese Form von Streetart akzeptieren, ist er gewohnt. Als er die Wandmalerreihen in einer Unterführung legal ergänzte, rief ein Anwohner die Polizei. Mit zwei Fahrzeugen wollten ihm die Beamten den Fluchtweg abschneiden. Sie zogen allerdings dann ohne Festnahme weiter, da das Sprayen dort erlaubt war. „Graffiti hat sich inzwischen zu einer allgemein akzeptierten Kunstform entwickelt.“ Immer mehr Privatleute und auch Kommunen beauftragen ihn mit der Gestaltung von Tiefgaragen, Unterführungen oder Hauswänden.
In seinen Workshops zeigt er maximal zehn Jugendlichen und Erwachsenen auf einmal die Grundlagen und Tricks, um erste eigene Werke zu sprühen. Oft haben Interessierte keine Möglichkeit, sich selbst auszuprobieren, weshalb er ihnen Tipps mitgeben kann. Zunächst gibt’s etwas Theorie, dann ist Sprayen angesagt. „Alle sind zu den Workshops willkommen, Voraussetzungen gibt es keine“, betont Richard Koch. Die ersten Übungsaufgaben sind oft Wörter, die dann zu Graffitis verfremdet werden.
Er fertigt nicht nur Auftragsarbeiten in der Region und darüber hinaus an, sondern probiert sich auch selbst weiter aus. „Für eine Ausstellung der Volkshochschule Schwäbisch Hall habe ich nur kleine Leinwände besprüht. Das war eine ganz neue Erfahrung. Da war eine andere Herangehensweise als sonst gefordert.“ In der Szene gibt es ein ungeschriebenes Gesetz: Bestehende Graffitis dürfen nicht „verschönert“ werden. Die Tags der verschiedenen Künstler sind bekannt und somit sind deren Werke akzeptiert. „Die Gemälde können auch versiegelt werden, damit sich etwaige Schmierereien leicht entfernen lassen“, verrät Richard Koch. Er bekommt aber viel Zuspruch aus der Szene. Über Social Media gibt es sofort eine meist konstruktive oder begeisterte Rückmeldung. Das ist auch nach wie vor wichtig, denn das Standing in der Szene war natürlich vor allem in der Zeit maßgeblich, in der Graffiti illegal waren. Aber nicht alle Kollegen können sich mit der Arbeit von „Sober“ anfreunden, da sie eine Kommerzialisierung eher kritisch sehen.
Richard Koch ist zwischen den Aufträgen auch auf „Sprühurlaub“, beispielsweise in Lissabon. Dort gibt es viele freie Flächen, die Sprayer aus vielen Ländern anziehen. „Da kann man wie zu Beginn arbeiten: Eine weiße Hauswand, ein paar Sprühdosen und los geht’s“, berichtet er. „Das macht richtig Spaß.“
Im Rahmen eines Projekts des Vereins MUT – Mitmachen und Teilen (Schwäbisch Hall) gestaltete Richard Koch die Fassaden einer Behindertenwerkstätte, einer Kirche und einer Geburtsstation in Togo. „Es war eine megacoole Erfahrung, Arbeiten und Reisen miteinander zu verbinden“, berichtet er. In dem afrikanischen Land war Graffiti nicht bekannt, sodass er zunächst erklären musste, was er genau vorhatte. Alle benötigten Farbdosen wurden im Vorfeld per Container dorthin gebracht.
Das Mitglied der VR Bank ist mit seinen Geschäften zufrieden: „Die Auftragslage entwickelt sich wirklich gut und ich bin dankbar, dass ich aktuell viele spannende Projekte umsetzen darf“, freut sich Richard Koch.